Diskussion des Entwurfs eines Leitfadens für NFDI-Standards

In meinem Vortrag bei der BiblioCon26 (siehe Protocols not Platforms! Verantwortung für Offene Standards übernehmen) habe ich ein fehlendes Bewusstsein u.a. auch im NFDI-Kontext im Hinblick auf die Relevanz von Standardarbeit beklagt (siehe Slide 23). In der anschließenden Diskussion hat Gerald Jagusch von der TU Darmstadt erwähnt, dass die NFDI gerade immerhin ein Papier zu Standards in der NFDI erarbeiten würde und er hat heute auch den Link zu einem aktuellen Entwurf, zu dem es kürzlich NFDI-intern eine Kommentierungsphase gab, geteilt:

Ich stelle das einmal hier rein, damit das hier offen kommentiert werden kann, sei es von NFDI-Menschen, die es nicht mitbekommen hatten (die gibt es offensichtlich, siehe diesen Fedi Thread) oder von allen außerhalb der NFDI, die ja auch womöglich mit der entstehenden Infrastruktur in Zukunft werden arbeiten müssen.

Für mich werden mindestens drei wesentliche Dinge gar nicht berücksichtigt, weshalb ich mir wünschen würde, wenn man da nochmal einen großen Schritt zurückgehen würde:

  1. W3C, IETF oder andere Standardorganisationen oder auch die DINI AG KIM werden an keiner Stelle erwähnt. Die Möglichkeit einer Mitgliedschaft und Beteiligung der NFDI in diesen Organisation kommt entsprechend gar nicht vor.
  2. Der Prozess ist schon jetzt geschlossen und NFDI-intern. Ich bin immer wieder verwundert mitzuerleben, wie die NFDI einfach nur nach innen schaut. Warum findet der Prozess nicht komplett öffentlich statt und lädt auch Metadaten-Praktiker:innen aus Bereichen und Institutionen außerhalb der NFDI ein, die zukünftig womöglich mit der entstehenden Infrastruktur werden arbeiten müssen?
  3. Das Wie der Standardentwicklung wird nur teilweise in Form eines ungefähren Prozesses angesprochen. Anforderungen an Standarddokumente oder womöglich das zu verwendende Tooling kommen nicht vor. Der referenzierte “Leitfaden für Papiere des NFDI-Vereins” lässt allein schon vermuten, dass Standards als PDF veröffentlicht werden sollen, was keine gute Praxis ist. Versionskontrolle oder Anforderungen an Validierbarkeit von Implementierungen (durch Bereitstellung von JSON-Schema, Shacl-Shapes, OpenAPI-Spec) werden nicht erwähnt. (Als Vergleich: Bei der DINI AG KIM haben wir etwa Werkzeuge und Verfahren zur Standardisierung von Metadaten dokumentiert. )

Ich habe mir das Dokument heute auf der Rückfahrt von der BiblioCon angeschaut, mit einem etwas matschigen Kopf. Falls ich etwas übersehen habe und meine Kritik nicht berechtigt ist, dann freue ich mich über Rückmeldungen.

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Für den Fall das maschinenlesbare Dokumente standardisiert werden sollen würde ich erwarten, dass offene, maschinenlesbare Schema bei Dokumente im XML oder JSON Format verfügbar sein müssen (wie schon oben erwähnt). Ich würde noch hinzufügen, dass quell-offene Parser und Validatoren (IMHO mindestens in C) bei anderen Dokumenten verfügbar sein müssen.

Fairerweise muss ich noch ergänzen, dass mich die Richtung dieses NFDI-Enwurfs und die Abwesenheit übergreifender Standardisierungsaktivitäten überhaupt nicht überrascht haben. In der Strukturevaluation der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) des Wissenschaftsrats gibt es einen Abschnitt zu Standardisierung und zwar auf S.45. Dort wird beklagt, dass „noch keine konsolidierten Standards konsortienübergreifend publiziert worden, die von der Konsortialversammlung vorgeschlagen und vom Wissenschaftlichen Senat verabschiedet wurden“. Deshalb verwundert es nicht, dass dieser Entwurf nun einen entsprechenden Prozess aufsetzen möchte, denn diese Strukturevaluation spielt ja eine wichtige Rolle bei der Entscheidung, wie die NFDI in Zukunft weiter betrieben und finanziert wird. In dem Abschnitt wird auch nur von „Entwicklung“ und „Publikation“ von (Metadaten)standards gesprochen, eine Beteiligung an der Pflege bestehender Standards in existierenden Standardorganisationen ließe sich lediglich indirekt aus dem Hinweis herauslesen, dass „es sich bei der Entwicklung von Standards um einen zeitaufwendigen iterativen Prozess handelt, der kontinuierliche Anpassungen und internationale Abstimmungen erfordert“.

Hier der komplette Absatz von S.45 der NFDI-Strukturevaluation:

P.S.: Die Diskussion ging zwar nach meinem BiblioCon-Vortrag sehr in Richtung NFDI und das ist ja auch hier das Thema, ich habe aber klar gemacht, dass ich das fehlende Bewusstsein auf allen Ebenen sehe, siehe Slide 23. In meiner Vorbereitung hatte ich die NFDI-Strukturevaluation, das Positionspapier Leistung in Verwantwortung des RFII sowie das DFG-Papier Digitale Forschungspraxis und kooperative Informationsinfrastrukturen gesichtet.

Liebe Mitglieder des KIM,

bitte beachtet, dass der oben geteilte Entwurf des „Leitfadens für NFDI-Standards“ eine veraltete Version ist. Seitdem haben Expert:innen aus den NFDI-Konsortien den Leitfaden kommentiert und auf dieser Basis wurde eine neue Version erstellt. Über diese neue Fassung wird der Wissenschaftlichen Senat der NFDI in der kommenden Woche abstimmen.

In der neuen Version wird noch deutlicher hervorgehoben, dass bestehende Standards nachgenutzt werden sollen. Daher schreibt der Leitfaden zu Beginn des Prozesses das „Evaluieren bestehender Standards“ vor.

Der Leitfaden erhebt nicht den Anspruch, einen Prozess zur Entwicklung von Standards zu definieren. Tatsächlich empfiehlt er, auf etablierte Prozesse zur Entwicklung von Standards zurückzugreifen.

Das Neue am Leitfaden ist, dass er über die Entwicklung des Standards hinausgeht und Antwort auf die Fragen gibt: „Wie können wir die Nutzung des Standards voranbringen? Wie können wir den Standard in der Praxis etablieren?“ Mit der Verabschiedung eines Standards als NFDI-Standard gewinnt dieser über die Satzung des NFDI-Vereins Verbindlichkeit für die NFDI-Konsortien und Mitgliedsorganisationen des NFDI-Vereins.

Wenn ihr Interesse habt, kann ich gerne Näheres dazu berichten.

Herzlich willkommen im metadaten.community-Forum, @Cord, und danke für deine Antwort!

Das ist lobenswert und hört sich ähnlich an wie Slide 25 meiner Präsentation. Mich interessiert, wie die Evaluierung stattfindet und ob jemand das Ergebnis noch einmal überprüft. (Ich gehe davon aus, dass Projekte und Personen selten bewusst das Rad neu erfinden, sondern aufgrund von Unkenntnis existierender Lösungen auch auf Seiten der Gutachter:innen.) Irgendwo müssen Personen mit Kenntnis der in Frage kommenden Standards einbezogen werden. Ich fänd hier eine offene Community-basierten Ansatz gut, siehe Folie 26. (Und ich meine hier nicht die NFDI-Community, sondern die breite Community von Infrastruktureinrichtungen und deren Mitarbeiter:innen.)

Dennoch deckt der Leitfaden ja auch – für den Fall, dass kein passender existierender Standard gefunden wird – die „Entwicklung einer Spezifikation“ ab, inklusive „Verfassen“ und „Publikation“ einer Spezifikation.

Das finde ich prinzipiell gut. Was aber immer noch komplett fehlt ist die Erwähnung bestehender Standardisierungsorganisationen. Warum nicht die in diesen Organisationen gewachsene Expertise, die Prozesse und Infrastruktur für die Entwicklung von Standards für die NFDI nutzen und damit die entwickelten Standards gleichzeitig in der internationalen Community etablieren? Meines Erachtens sollte eine Organisation wie die NFDI in Organisationen wie dem W3C als Mitglied vertreten sein und Personalressourcen für die Mitarbeit bereitstellen. (Dies würde auch sicherstellen, dass die existierenden Standards hinreichend bekannt sind, um die genannte Evaluation durchzuführen.) Mich würde interessieren, ob dies erwogen wurde und aus welchen Gründen es nicht passiert.

Mein zweiter Punkt von oben wurde nicht angesprochen: Warum passiert dies alles NFDI-intern? Und warum sind lediglich mit der NFDI-assoziierte Personen und Projekte gemeint, wenn die NFDI von „Community“ spricht? Es gibt ja auch genug Betreiber:innen von Informationsinfrasturkturen, die nichts mit der NFDI am Hut haben, und es ist wahrscheinlich, dass diese zukünftig Schnittstellen und Daten werden nutzen müssen, die innerhalb der NFDI als Standard festgelegt wurden. Wenn ich das richtig sehe, ist der Entstehungsprozess zur Auswahl oder Entwicklung von NFDI-Standards bisher komplett NFDI-intern geplant, eine öffentliche Diskussionsphase (oder besser noch, wie oben geschrieben, eine öffentliche Entwicklung innerhalb existierender Standardorganisationen) ist nicht vorgesehen. Wie lässt sich das begründen?

Lieber Adrian,

herzlichen Dank für deine Anmerkungen. Ich möchte dich noch um einige Tage Geduld bis zur Veröffentlichung des Leitfadens für NFD-Standards bitten. In diese überarbeitete Fassung sind, wie bereits erwähnt, zusätzliche Informationen aus einer Kommentierungsphase eingeflossen. Hier daher zunächst nur in Kürze:

Der Prozess für NFDI-Standards startet in den NFDI-Sektionen. An den Sektionen kann sich jede:r beteiligen. In den Sektionen arbeiten viele Expertinnen und Experten mit, die keine Bindung an eines der NFDI-Konsortien haben. Also: Jede:r kann den Prozess für einen NFDI-Standard starten.

Es gibt bereits zahlreiche Kooperationen zwischen NFDI und den Standardisierungsorganisationen: NFDI hat eine Kooperationsvereinbarung mit DIN [1] abgeschlossen und steht mit DIN in regelmäßigem Austausch. Auf Initiative von NFDI4Ing hat sich eine Gruppe gebildet, die daran arbeitet, das RfC-Verfahren der IETF für NFDI anzupassen und zu befördern [2]. Hier gibt es bereits mehrere RfC Standardisierungsvorhaben in NFDI. Darüber hinaus ist NFDI strategischer Partner der RDA. Wir haben das Thema „Wie NFDI von RDA entwickelte Standards nutzt“ [3] auf der ldisjährigen RDA-DE-Tagung vorgestellt und diskutiert.

Der Leitfaden macht keine expliziten Vorgaben für die Qualitätssicherung, sondern benennt nur Dimensionen (Nutzen, Community-Beteiligung, Berücksichtigung bestehender Standards,…). Die inhaltlich-fachliche Qualitätssicherung ist im konkreten Fall von den Expertinnen und Experten aus der Sektion selbst sicher zu stellen. Die Maßnahmen zur Qualitätssicherung müssen jedoch im Antrag für einen NFDI-Standard schriftlich dargelegt werden und werden bei der Abstimmung in den Vereinsgremien berücksichtigt.

Außerdem ist der Leitfaden nicht in Stein gemeißelt. Er enthält explizit einen Passus, der die regelmäßige Anpassung an neue Erkenntnisse vorsieht Er soll einen Rahmen zur Orientierung vorgeben, aber gleichzeitig genug Freiraum für die Vielgestalt der Themen, Anforderung und Beteiligten lassen

Viele Grüße
Cord

[1] DIN und NFDI unterzeichnen Kooperationsvereinbarung zu Forschungsdaten und -infrastrukturen DIN und NFDI unterzeichnen Kooperationsvereinbarung zu Forschungsdaten und -infrastrukturen

[2] Langenbach, C, Selzer, M. 2026. NFDI RFC: nfdi-rfc, GitLab-Repository, RWTH Aachen University, nfdi-rfc / Overview · GitLab

[3] Wiljes, C., Armin, J., Amelung, L., & Fuchsloch, S. (2026). Standards für eine FAIRe Datenzukunft: Wie NFDI von RDA entwickelte Standards nutzt. RDA Deutschland Tagung 2026 (RDA-2026), Potsdam. Zenodo. Standards für eine FAIRe Datenzukunft: Wie NFDI von RDA entwickelte Standards nutzt

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